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Mein Senf zum Schokokuss

Beim zurzeit heftig diskutierten Thema «Mohrenkopf» lautet das «Argument» in gefühlt jedem dritten Online-Kommentar: «Haben wir denn keine grösseren Probleme?» Genau diese Killerphrase (die man übrigens bei jedem x-beliebigen Thema bringen kann, um eine Diskussion im Ansatz zu ersticken) zeigt gut auf, wie hier das Thema Rassismus als Ganzes verharmlost wird. Ja, es gibt tatsächlich grössere Probleme als die Bezeichnung einer simplen Süssigkeit. Und nichtsdestotrotz bildet dies einen kleinen Teil einer grösseren Diskussion.

Ob das Ding Schokokuss, Moh­ren­kopf, Schaumkuss, Schoko­köpfli oder meinetwegen «von Schokolade umhüllte Eiweiss-Zucker-Schaummasse» heisst, ändert doch überhaupt nichts daran, ob man es gerne isst und geniesst und dass es immer noch gleich schmeckt, ganz unabhängig von seiner Bezeichnung. Hinzu kommen in diesem Fall wohl häufig Trotzreflexe, da die meisten diese Süssigkeit mit ihrer Kindheit konnotieren. Früher war alles noch gut, da will man sich natürlich nicht im Nachheinein etwas (vermeintlich) schlechtreden lassen. Und so entstehen dann solche Abwehrreflexe im Stil von: «Ich lasse mir doch nicht ‹von denen da oben› vorschreiben, wie ich etwas nennen darf, das ich als Kind toll fand!» Die vermeintliche In-Frage-Stellung einer Süssigkeit aus einer Zeit, wo «die Welt noch in Ordnung war», wird als unangemessener Eingriff in eine intime Erinnerungswelt empfunden. Dabei wird nicht etwa die Süssigkeit an sich und noch nicht mal die Bezeichnung zu jener Zeit hinterfragt. Es geht darum, ob es jetzt noch angebracht und derart wichtig ist, an dieser Bezeichnung festzuhalten.

Dieses eine Beispiel ist tatsächlich «kein grosses Problem». Aber die Gefahr besteht, dass man bei wirklich wichtigen Fragen des Rassismus dann auf diese leicht absurde Mohren­kopf-Geschichte zurückfallen wird und das Thema augenrollend mit einem «Nicht schon wieder!» abtut, anstatt sich mit den grösseren Aspekten auseinanderzusetzen.

Ich verurteile niemanden, der weiterhin «Mohren­kopf» sagen möchte; ich finde einfach nur, jede und jeder könnte sich zwei Minuten nehmen, um mal kurz bewusst darüber nachzudenken. Ich bin überzeugt: Sprache und Formulierungen prägen unser Denken und somit unsere Handlungen – mehr unbewusst als bewusst. Und darum bemühe ich mich, sobald mir eine problematische Formulierung bewusst wird, mich jeweils so auszudrücken, dass möglichst niemand herabgesetzt wird – das entspricht meiner Auffassung von Anstand und tut mir nicht weiter weh. Ich brauche höchstens eine Weile, um mich an die neue Formulierung zu gewöhnen, und schon bald empfinde ich sie als ganz normal.

Von der Umbenennung von «Raider» zu «Twix» habe ich seinerzeit jedenfalls keine bleibenden Schäden davongetragen.